^1Zwei Waggons (c) H. Schida, 1996 Wie immer um diese Zeit sitzt Harry auf dem kleinen Hgel, von dem aus er auf die Gleise der Westbahn sehen kann. Die Rotweinflasche h„lt er in der Rechten, und den Rcken l„át er sich von den letzten schon flachen Strahlen der Nachmittagssonne w„rmen. Er hat Schienen gern, auf denen alle paar Minuten Zge daherdonnern. Auáerdem herrscht hier drauáen nicht mehr jene hektische Vielfalt an Signalen, Lichtern und Ger„uschen wie noch wenige hundert Meter vorher, wo noch an die vierzig Gleise parallel einherlaufen, wo noch jede Sekunde einige Weichen automatisch umspringen und zwischen abfahrenden und ankommenden Zgen fieberhaft Garnituren verschoben, auseinandergerissen und wieder neu zusammengestellt werden. Hier drauáen ist es viel ruhiger, man weiá, wenn man regelm„áig hier sitzt, wann der n„chste Expreá- oder Gterzug vorbeikommt und in welche Richtung sie brausen. Insgesamt berblickt Harry vier Schienenstr„nge, zwei oder drei Weichen und ein paar Abzweiger, deren Schwellen schon seit Jahren unter dem Unkraut, das hier meterhoch wuchert, vor sich hinschimmeln. Schon 17 Uhr 30! Da muá der Orientexpreá ja bald kommen. Der hat immer so sch”ne Waggons, und seit wenigen Tagen f„hrt er bereits mit Licht durch die einsetzende D„mmerung. Und schon h”rt er ihn, sieht die E-Lok zuerst, wie sie leicht schr„g in der sanften Kurve liegt. Dann folgen die Wagen. Sie bilden eine Perlenkette aus beleuchteten Fenstern. Der Speisewagen mit seinen braungoldenen Scheiben sticht besonders heraus. Auch die Schlafwagen und den ganz anders aussehenden Postwagen kennt er schon. Und so schnell wie er gekommen ist, verschwindet sein Orientexpreá, in dem sich die Menschen langsam zum Aussteigen fertigmachen, wieder hinter dem kleinen Hgel. Er nimmt wieder einen kr„ftigen Schluck aus seiner Flasche und weiá, daá jetzt fast eineinhalb Stunden kein Zug mehr kommt, bevor es dann wieder so richtig losgeht. Unangenehm khl wird es schon um diese Zeit, und er bedauert einmal mehr, daá er seinen langen schwarzen Wintermantel vor zwei Wochen im Suff in den damals reiáenden Wienfluá geworfen hatte. Einmal in 25 Jahren ein richtiges Hochwasser, und das kostet ihm sofort seinen einzigen Mantel. Als er eben wieder die Flasche ansetzen will, traut er seinen Augen nicht. Aus Richtung Wien rollen ganz langsam zwei einsame Waggons. Obwohl sie un- beleuchtet sind, erkennt er sie sofort. Es ist ein Schlafwagen und ein Speise- wagen, und kein Mensch drauf! Auch keiner mit einer gelben Fahne oder einer roten Laterne, nichts dergleichen. Und als die kleine Garnitur auf seiner H”he ist, beginnt Harry zu laufen. Bald hat er die zwei Wagen berholt und jetzt rennt er auf die etwa fnfzig Meter entfernte Weiche zu. Mit seiner allerletzten Kraft legt er wenige Meter vor den heranrollenden Wagen die Weiche um und lenkt sie so auf eines der nie befahrenen Abstellgleise. Schnell legt er die Weiche ein zweites Mal um, dann l„uft er seinen langsam dahinrollenden Waggons nach und springt nach wenigen Metern auf das hohe Trittbrett. Er weiá ganz genau, wo das Abstellgleis endet. Es fhrt nach etwa 800 Metern auf ein stillgelegtes Fabriksgel„nde, das er noch aus seiner Kindheit kennt. Schon damals war hier nicht mehr viel los, und als Kinder schmissen sie mit Steinen die kleinen viereckigen Scheiben der groáen Fenster in der Halle ein. Das hohe Gras, die Disteln und Str„ucher an den Schienen bremsen nun doch die Fahrt seiner beiden Wagen, aber die Strecke muá dennoch eine mit freiem Auge nicht wahrnehmbare Neigung haben, sodaá die Fahrt immer noch weitergeht. Er l„uft durch die Waggons zum Vorderende seines Zuges, um zu sehen, wohin es nun endgltig gehen soll. Die Schienen fhren zu einem Tor, das zu einer halb zerborstenen Halle geh”rt. Er springt ab, l„uft seinem Zug voran und schiebt die verrosteten Trflgel zur Seite. In der Halle liegen noch fast zweihundert Meter Schienen, die in einem trapezf”rmigen Betonklotz enden. Ob er standhalten wird? Doch da erblickt er im letzten Moment so ein total verrostetes Ding, das man direkt auf einen Schienenstrang legt, und das dann den Waggon zum Stehen bringt. Fnf Meter vor dem Betonklotz legt er den kleinen Bremsschuh auf und wartet gespannt. Er m”chte sich seine Beute doch nicht durch einen zu harten Aufprall zerst”ren lassen. Das Eisen greift, wird noch zwei bis drei Meter weit mitgeschleift, dann stehen die Dinger ruhig. Rasch schlieát er das Einfahrtstor, damit man von drauáen keine Ver„nderung wahrnimmt, dann besteigt er seinen Speisewagen. Er findet ihn vollgestopft mit den feinsten Leckereien. Auch erlesenste Weine sind in den Schr„nken gestapelt, und die Zahl der Bierkisten kann er nur sch„tzen. Er hat in seinem Leben noch nie Glck gehabt und hatte sich schon damit abgefunden. Und jetzt passiert ihm das! Innerlich bebend betritt er den n„chsten Waggon, den Schlafwagen. Er ”ffnet Abteil um Abteil. šberall sind die Betten bezogen, es gibt Handtcher, Seife, Klomuscheln und in einem Abteil findet er tadellose Kleidungsstcke - etwa seine Gr”áe. Mssen wohl dem Zugbegleiter oder dem Schaffner geh”rt haben. Auch ein Mantel ist darunter, der ihm wie auf den Leib geschneidert paát. Sogleich wechselt er die W„sche und kleidet sich komplett neu ein. Die schwarzen Halbschuhe drcken ein wenig, dafr ist der braune Mantel eine Wucht. Adrett gekleidet wechselt er hinber zum Restaurant, bedient sich aus diversen Truhen und Containern, speist Fisch und Gemse und splt mit Rotem Burgunder kr„ftig nach. Ausreichend mit Bier versorgt sucht er dann ein passendes Bett, malt sich noch die n„chsten Tage in seinem neuen Schlaraffen- land aus und schl„ft gegen Mitternacht glckselig ein. Frchterlicher L„rm weckt ihn am n„chsten Morgen. Er weiá vorerst berhaupt nicht, wo er sich befindet. Weiáes Bettzeug, kein Luftzug, kein Gestank nach Pisse. Ach ja, er liegt in seinem Schlafwagen. Aber was soll der H”llenl„rm? Er blickt aus dem Abteilfenster und muá mit ansehen, wie eine riesige Metall- kugel durch die Fabrikswand f„hrt und sie zum Einsturz bringt. Sie beginnen tats„chlich mit dem Schleifen der Mauern, und bald wird auf dem alten Fabriksgel„nde eine neue Reihenhaussiedlung stehen.