^1Lehrerausbildung anno 1960                                   (c) h.schida 1996

Wer heute noch Lehrer wird, ist selber schuld!
Wobei ich nun wirklich nicht die Frage diskutieren m”chte
ob er sich damit einen guten Job einhandelt

Ich will euch nur erz„hlen
wie sich Teile der Lehrerausbildung in den Sechzigern
also zu meiner Zeit
abgespielt haben

Neben den blichen F„chern einer normalen Mittelschule
wurden an den damals modernen Lehrerbildungsanstalten
auch F„cher wie Unterrichtslehre und Schulpraxis
unterrichtet
Verbindlich versteht sich

Das spielte sich so ab
An jeder Anstalt waren neben den fnf Jahrg„ngen
auch vier Volksschulklassen und sp„ter dann 
auch vier normale Hauptschulklassen untergebracht
In jeder dieser Klassen hatte man ein Semester lang
zuerst einmal zu hospitieren
dann aber auch schon selbst zu unterrichten
Dazu wurden wir Jahrg„nge in kleine Gruppen eingeteilt
und jede Gruppe wurde einer Volksschulklasse zugewiesen

In diesen Klassen versahen das ganze Jahr ber
ausgezeichnete und etablierte - sprich meist alte - Lehrer
ihren Dienst

Und sie versuchten ihren rund zwanzig Schlern
lehrplangetreu das n”tige Wissen zu vermitteln
Da sie zus„tzlich fast das ganze Jahr ber
auch noch uns Lehramtskandidaten zu betreuen hatten
wurden sie nach einem etwas besseren Schema besoldet
Doch der Kies reichte auch damals schon nicht aus
um ein halbwegs normales Leben fhren zu k”nnen

Nach fnfunddreiáig Jahren hat sich daran nichts ge„ndert
Auch ich komme mit meinem Geld Monat fr Monat
kaum ber die Runden

Doch zurck in die Sechzigerjahre
Ich bin mit ein paar meiner achtzehnj„hrigen Kollegen
einer zweiten Volksschulbesuchsklasse zugeteilt
Der Klassenlehrer ist sehr freundlich und hochbetagt

Hinter seinen Kindern stehen einige Sthle
auf die wir uns verteilen
und dann beginnt F.X. Lachmann mit seinem Unterricht

Am Beginn muá gebetet werden
Alle schauen zum Kruzifix
das ber dem Bild des Herrn Bundespr„sidenten h„ngt

Dann zeigt uns F.X. - steht brigens fr Franz Xaver -
eine frisch-fr”hliche Heimatkundestunde 
Die Kinder kramen aus ihren Taschen verwelktes Laub
Kastanien, Frchte und Zweige
Einige zaubern zu unserem Leidwesen 
schachtelweise Bucheckern und anders Zeug hervor
Die Pflanzenteile gehen reihum
ein Kind kommt sogar zu uns nach hinten
und bringt uns ganz sch”n in Verlegenheit

Die Knirpse erz„hlen
wo sie das Zeug her haben
wie sie es gefunden haben
und was vielleicht n„chstes Jahr draus werden k”nnte
falls man's in die Erde steckt
F.X. l„át die Kinder fuhrwerken
sitzt vorne bei seinen bunten Kreiden
und der grnen Schiebetafel
die mittels Holzknauf 
immer um etwa 15 cm verstellt werden kann
und greift selbst kaum ein

Die Kinder rufen sich alle m”glichen Dinge zu
die wenigsten beziehen sich noch auf das botanische Zeug

Dann ist die erste Unterrichtseinheit um
und einige von uns ziehen sich mit Zigaretten
aufs Klo zurck

Etwas versp„tet platzen sie dann
in die schon begonnene Rechenstunde
F.X. quittiert das mit einem mden L„cheln
Wie gesagt, er hatte die Ruhe bereits weg
h„tte schon l„ngst in Pension gehen k”nnen

Nun rechnen sie mit den mitgebrachten 
Eicheln und Kastanien
ber- oder unterschreiten den Zehner oder sonst was
und langsam geht es nach einer Deutsch- und
einer Singstunde auf zw”lf Uhr zu

Da kommt bei einem seiner seltenen Rundg„nge
F.X. zu uns nach hinten und fragt halblaut
"Nun, meine Herrn, wie hammas an der Zeit?"

Ein flinker Kerl von uns sagt ihm
daá es in knapp zehn Minuten l„utet

Er bedankt sich, l„át die Kinder zusammenr„umen
und ersucht zwei von uns
mit den Kindern bis zum Schultor zu gehen
und sie dort mit dem L„uten zu entlassen
Ich bleibe mit den brigen bei ihm
Er packt sein Wurstbrot aus
beiát ab und setzt sich zu uns
So nebenbei fragt er uns nach unseren Eindrcken
von seiner Klasse, dem Klassengeist und seiner Arbeit

Da wir die gesamte Zeit mitschreiben muáten
bl„ttert nun jeder eifrig in seinen Aufzeichnungen
und einer findet tats„chlich etwas Positives
etwa in der Art
"Der Klaus in der zweiten Reihe
ist aber ein hochintelligentes Kind
allein seine Mitarbeit in ..."

Weiter kommt er nicht, da f„llt ihm F.X. auch schon ins Wort
"Ja, meine Herrn, das freut mich
daá ihnen das aufgefallen ist
Er und seine Schwester
die mit den blauen Maschen und den blonden Haaren
sind echte Sttzen in meiner Klasse"

Da kommen unsere Kollegen vom Schultor zurck
Sie haben die Kinder zeitgerecht aus der Schule geworfen
und nun vervollst„ndigen sie unsere kleine Runde

F.X. erkundigt sich bei jedem von uns
wie es mit der Ausbildung voran geht
Dabei streift uns sein alter, mder Blick
und geht oft an uns vorbei ins Leere
oder aus dem ebenerdigen Fenster
hinaus auf die Straáe mit dem flauen Mittagsverkehr

Auch jungen Frauen schaut unser "Professor"
noch ab und zu nach - aber ebenso gelangweilt
Er hat es hinter sich, weiá selbst nicht mehr
worauf er eigentlich noch warten soll
Diese Einstellung kommt auch w„hrend der erzwungenen
weil im Lehrplan stehenden
zweistndigen "Nachbesprechungs- und Vorbereitungseinheit"
deutlich durch

Wir Achtzehn- bis Neunzehnj„hrigen
machen uns ber seine Mdigkeit, seine stockende Aussprache und seine
langsamen Augen lustig

Auáerdem spricht er mit sehr leiser Stimme
und je sp„ter es wird
desto h„ufiger sttzt er seinen Kopf
zwischen beiden Armen auf der Tischplatte ab
Den Blick dabei meist zum Schlssel der Tischlade gewandt
also ziemlich tief
sodaá wir haupts„chlich seine Glatze
und vom Gesicht nur Teile seiner buschigen Augenbrauen
zu sehen bekommen

Wir haben zu erkl„ren
wie wir uns den anknpfenden Unterricht vorstellen
denn n„chste Woche sollen laut Plan
schon wir schulmeistern
Einer von uns entwirft zuerst in groben Zgen
das Konzept fr die n„chstw”chigen Unterrichtsstunden
und wird nur mehr selten durch das bliche
"Meine Herrn, wie hammas an der Zeit?"
von F.X. unterbrochen

Dann geht ein anderer methodisch-didaktisch in die Tiefe
und genauso sinkt der Kopf des Professors tiefer
der Tischplatte entgegen
Die mit schwarzen Žrmelschonern berzogenen Ellbogen
gleiten fast unmerklich auf der Tischplatte auseinander
Und schon streut mein Mitschler in jeden zweiten Satz
v”llig unpassende Wendungen ein
Das klingt dann etwa so
"Dann tauschen die zwei Gruppen ihre Arbeitsanleitungen aus
und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie noch heute
Insgesamt drfte dieser Arbeitsschritt keine fnf Minuten
in Anspruch nehmen"

F.X. sagt kein Wort, kann er auch nicht mehr
Er hat uns seit zehn Minuten nicht mehr zugeh”rt
denn etwa um diese Zeit ist er ruhig atmend eingepennt
Eingeschlafen in diesem Beruf
ist er aber bereits vor Jahrzehnten

Wir unterhalten uns halblaut zu zweit oder zu dritt
w„hrend er ruhig und gleichm„áig weiterschl„ft
Das Gemurmel und der gleichf”rmige Ger„uschpegel
beides so kennzeichnend fr Schulklassen von damals
sind ihm so in Fleisch und Blut bergegangen
daá sie sein bestes Schlummerlied wurden

Vorm L„uten rcken h”rbar mit dem Sessel
und dann geht ein leichtes Zittern durch den alten Lehrer
Er verharrt noch kurz in dieser Stellung
dann meint er wie beil„ufig

"Meine Herrn, wie hammas an der Zeit?"
und gleich darauf
"Den Rest arbeiten sie schriftlich bis n„chste Woche aus
und jetzt wnsche ich Ihnen noch einen sch”nen Nachmittag"

Wenige Minuten sp„ter sehen wir ihn
in seinem langen Mantel und mit dem schwarzen Hut
in kurzen Schritten aus dem Schultor kommen
Er tappt zur Straáenbahnhaltestelle am Schwarzenbergplatz

Dann muá er zweimal umsteigen
ehe ihn der Fnfer in die N„he seiner kleinen Wohnung
beim Westbahnhof bringt

Nach der Matura besuche ich ihn dann noch einmal privat
Die Wohnung sieht noch trauriger 
als die meiner sehr armen Groáeltern aus

Seine ber sechzig Jahre alte Frau ist bettl„gerig
und er pflegt sie liebevoll und behutsam
Und ich weiá nicht, ob ihr das kennt
Durch die ganze Wohnung 
zieht sich schon der Geruch des Todes
bevor er noch leibhaftig dasteht

Zum ersten Maturatreffen nach einem Jahr
kommt F.X. nicht mehr
Er ist mit unserem Austreten in Pension gegangen
Zwei Monate sp„ter stirbt seine Frau
der er mit kaum einem Jahr Abstand dorthin nachfolgt

Heute, wo ich selbst schon ber dreiáig Jahre
seinen Job weitermache, sage ich euch

"Er war einer meiner besten Lehrer !"
